Eintauchen in den Schatz tausendjähriger chinesischer Weisheit…

Was ist Tai Chi – Was nicht?

Kaum ein Thema wird streitbarer in der Tai Chi -“Szene“ diskutiert als dieses. Verschiedene Schulen haben darüber unterschiedliche Ansichten. 

Sich darin zurechtzufinden ist eine (Kampf?-) Kunst für sich.

Nach 20 Jahren des Suchens möchte ich im Folgenden meine Sicht auf diese Frage darstellen.

Mein Lehrer Fernando Chedel hat oft gesagt, dass es viel schwieriger ist zu sagen, was Tai Chi Chuan IST, als zu sagen, was es NICHT ist.

Ich habe ihm anfangs nicht geglaubt und dachte, er wolle mir etwas verheimlichen.

Inzwischen weiß ich es besser.

Das Problem bei dem Versuch, Tai Chi Chuan zu beschreiben ist, dass die Menschen mit hartnäckigen Bildern ausgestattet sind.

Der Versuch, zu zeigen was IST bedeutet auch oft, dass man genau das Gegenteil zeigt von dem, was der Andere GLAUBT.

Ein schönes Beispiel dafür ist meine erste Begegnung mit Fernando.

Ich erwartete einen asketischen, möglichst chinesischen, vegetarischen Eremiten, der mir die esoterischen Zusammenhänge erklärt.

Was ich bekam war ein beleibter, argentinischer, gerne Fleisch essender und laut lachender, anfassbarer, geselliger Mensch,

der sehr konkret Dinge zeigte und vor allem fühlbar machte.

 

So dachte ich anfangs:

„Das kann doch nicht sein! Es entspricht keinem der Bilder, die ich von chinesischen Meistern habe!

Wie kann sich dieser dicke Mann überhaupt bewegen?“

Nun, einige Jahre später, habe ich inzwischen mehrfach, teils schmerzhaft, erfahren müssen, dass sich dieser Mann nicht nur bewegen kann, sondern schneller, präziser, eleganter und stärker als jeder Andere, den ich bis heute getroffen habe. Und ich habe mit einigen echten ‚Koryphäen‘ trainiert, seitdem ich vor über 25 Jahren mit der Kampfkunst angefangen habe!

Wir alle tragen solche Bilder in uns.

Die Aufgabe als TCC-Lehrer ist es u.a. aufzuzeigen und spürbar zu machen, was an diesen Bildern stimmen mag und eben auch, was nicht.

 

Also zurück zum Thema:

Was ist Tai Chi Chuan (TCC) nach meiner heutigen Sicht…und was nicht?

„Tai Chi Chuan“ (oft auch taijiquan oder Taiji Quan oder T‘ai Chi Ch‘uan geschrieben) ist Chinesisch und bedeutet übersetzt in etwa „die Faust des Tai Chi“.

Mit „Tai Chi“ ist das philosophische Modell gemeint, das die meisten von uns in Form des „Yin-Yang-Symbols“ kennen und das uns heutzutage an allen Ecken begegnet.

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Dass in dem Namen der Begriff „Faust“ (Chuan) auftaucht, weist auf den Kampfkunst-Aspekt der Kunst hin.

Die Verbindung zum taoistischen Prinzip des Tai Chi hingegen weist u.a. auf die philosophisch-spirituelle Dimension der Kunst hin.

So lehrt der Taoismus beispielsweise, dass Weiches Hartes überwinden kann oder dass entspanntes und geduldiges Abwarten des richtigen Moments (der chinesische Begriff dafür lautet „Wu Wei“, was viele meiner Meinung nach fälschlicherweise mit „Nichtstun“ übersetzen) zum Ziel führen kann usw.

 

In dieser Verbindung des taoistischen Gedankenguts mit der Kampfkunst kann man schon erkennen, worauf bei der Ausübung des Tai Chi Chuan bzw. den Ausführungen der darin enthaltenen Bewegungen Wert gelegt wird, nämlich auf Entspannung und Weichheit.

 

Ursprünglich wurde Tai Chi Chuan als komplettes System der Kampfkunst gelehrt.

Heute wird es meist „abgespeckt“ als Gesundheits- und Bewegungskunst unterrichtet, von der wundersame positive Wirkungen auf die Gesundheit berichtet werden.

 

In den Jahren, in denen ich mich mit Tai Chi Chuan beschäftige, habe ich festgesellt, dass die unterschiedlichen Aspekte (spiritueller-, Kampf- oder Gesundheitsaspekt) je nach momentaner Lebenslage unterschiedlich stark zur Geltung kommen können.

 

Kampfkunstinteressierte, „handfeste“ Personen werden vom spirituellen Aspekt teilweise eher wenig angezogen oder sogar abgestoßen, jedoch kann es sein, dass sie sich irgendwann einmal nach spiritueller Unterstützung sehnen, und dann kann Tai Chi Chuan dort eine Hilfe sein.

 

Spirituelle Sinnsucher können leicht den Kontakt zur irdischen Welt verlieren und sich in esoterisch-mystischen Zirkeln oder Gedanken verlieren. Hier kann Tai Chi Chuan gegebenenfalls erden und die Dinge auf ein „normales Maß“ zurechtstutzen.

 

Und dann gibt es ja noch den Gesundheitsaspekt. Ich meine, dass dieser Aspekt beiden Arten von Suchenden sowie auch allen anderen Menschen zur Verfügung steht: Dem Kämpfer, dem Philosophen, dem „Normalen“, aber auch den „Alten“ und den „Versehrten“, „Behinderten“, „Kranken“ usw.

 

Denn die Bewegungen des Tai Chi Chuan sind in ihrer Ausführung solchermaßen gestrickt, dass sie zur Gesundung streben.

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Tai Chi als Kampfkunst

Dieses Thema ist ein großes, und man kann sich im persönlichen Gespräch oder (noch besser) durch die direkte Erfahrung am besten daran annähern. DASS TCC eine KK ist, wurde in den vorangegangenen Abschnitten bereits erwähnt und drückt sich allein durch den Namen aus.

 

Dennoch ist es heutzutage kaum vorstellbar, dass eine Kunst wie TCC zum Kampf überhaupt nützlich sein kann. Immerhin besteht es doch scheinbar nur aus langsamen Bewegungen, weshalb es auch den spottenden Namen „Rentnerkarate“ bekommen hat, wie Jan Silberstorff so schön in seinem gelungenen Buch „Chen“ berichtet. Dennoch gab es wohl eine Zeit im alten China, in der TCC als die höchste aller Kampfkünste galt und in der Tai Chi Meister zur Ausbildung der kaiserlichen Garde engagiert wurden.

 

Diese hohe Meinung über das TCC muss ja eine Grundlage haben, oder nicht?

 

Unglücklicherweise ist das TCC, so wie es heute in den allermeisten Schulen unterrichtet wird, kaum noch das, was es einmal war.

Entweder es ist zu einer reinen Gesundheits-, Esoterik-, Gymnastik- oder Kuschelvariante degeneriert und verdient den Beinamen „Chuan“ (=Faust) nicht, oder es ist ein KampfSPORT geworden, in dem es um Punkte und das Gewinnen von Pokalen auf Turnieren geht und keine Kunst, bei der es um die eigene körperlich-geistige Entwicklung von Fähigkeiten inklusive der zu realistischer Selbstverteidigung geht.

 

Einige haben sich auch den Namen Tai Chi Chuan genommen, um damit irgendeine Kampfkunst zu verkaufen, die möglicherweise effektiv ist, sich allerdings nicht annähernd an den Prinzipien des TCC orientiert oder es nur verbal tut, jedoch in der Anwendung diese Prinzipien vermissen lässt. Diese „Chuans“ verdienen wohl eher den Beinamen „Tai Chi“ nicht.

 

Die alten Meister haben die Prinzipien des TCC beschrieben und trotz aller Mühseligkeit und Schwierigkeit, sich konsequent daran zu halten, auf die Notwendigkeit hingewiesen, diese Prinzipien penibel zu befolgen, da das Training sonst niemals zum gewünschten Ziel führen würde.

 

Grob zusammengefasst benutzt TCC als Kampfkunst im Gegensatz zu fast allen anderen Kampfkünsten Expansion statt (Muskel-)Kontraktion, Entspannung statt Anspannung, Berührungsreflexe statt Augenreflexe, wellenartige statt gerade Energie sowie niemals stoppende Bewegungen, also auch keine Blocks, statische Positionen usw. Zu einem ersten Eindruck liest man am Besten die Interviews meines Lehrers und des Stilvertreters Fernando Chedel auf unserer Schul-Homepage.

Tai Chi - Körperarbeit

Tai Chi Chuan wird solchermaßen ausgeführt, dass alle Handlungen zur Gesundung streben.


Durch Haltungskorrekturarbeit, Entspannung, Visualisierung, sanfte Bewegung und sanfte Dehnung von Muskeln und Muskelgruppen wird der Blut- und Lymphkreislauf angeregt, können die Faszien beweglicher gemacht, der Sauerstoffaustausch verbessert, Muskeln gelockert und beweglich gemacht, Blockaden und Verspannungen gelöst, entzündliche Prozesse positiv beeinflusst und Gelenke „geöffnet“ werden.

 

Da das Kernkonzept des TCC das der ENTSPANNUNG ist und diese mit den anderen Themen

(Haltung, Atmung usw.) eng verknüpft ist,

soll das Konzept der Entspannung und ihre Bedeutung für die gesundheitliche Wirkung im Folgenden erläutert werden.

 

 

 

Im Bild sehen wir EINE mögliche Kette von Entwicklungen, die uns krank machen kann:

 

Ein Zustand der Entspannung und des Wohlbefindens (bspw. bei einem gut versorgten und geborgenen Säugling) wird durch einen Schmerz, ein Trauma (Verletzung, Verlust…) oder ein anderes beängstigendes Erlebnis ausgelöst. Dies führt zu einer kurzfristigen Reaktion, bei dem der Organismus unter körperliche und seelische Spannung gerät (Verkrampfung, Wutspannung, Angst o.ä.).

 

Normalerweise kann diese Spannung relativ schnell wieder abgebaut werden, wenn die verletzende oder beängstigende Situation verschwindet, wenn also der „Schmerz nachlässt“ und wenn die Umgebung Heilung ermöglicht (durch liebevolle Zuwendung und ausreichende Versorgung bspw.).

Wenn dies allerdings nicht der Fall ist und die als schmerzlich erlebte Situation beibehalten bleibt oder es keine Möglichkeit zum Spannungsabbau gibt (bspw. weil die Umgebung dies nicht zulässt, weiter Stress erzeugt o.ä.), kann sich die Spannung nicht mehr so leicht abbauen und chronifizieren: man wird VER-spannt oder AN-gespannt.

 

Eine Aufgabe des TCC-Trainings ist es, diese chronifizierten Verspannungen wieder zu lösen, also zu ENT-spannen. Es ist wie bei einem Knoten: Je komplizierter und je mehr kleine Knoten zu einem großen Knoten geknüpft wurden, desto länger braucht man, um alles wieder zu entwirren. Mit entsprechender Geduld und Ausdauer wird sich aber auch der hartnäckigste Knoten irgendwann vermutlich auflösen lassen. Darüber sprechen auch einige klassische Schriften des TCC.

 

Ich selbst habe an mir und Anderen erlebt, wie nach jahrelangem Training plötzlich tiefgreifende Veränderungen im eigenen Körper möglich waren und welche wundervollen (und teilweise wundersamen) Auswirkungen dies hatte. Jahrelange Schmerzen oder Blockaden, die sich hartnäckig trotz allen möglichen Therapien (und demotivierenden Diagnosen) gehalten haben, sind auf diese Weise schon plötzlich verschwunden. Auch im seelischen Bereich hat die Veränderung des Körpers mitunter drastische (positive) Auswirkungen.

 

Dies kann natürlich niemals und niemandem garantiert werden, sondern immer nur als eine Chance und Möglichkeit gesehen werden. Ob und inwieweit Veränderung (und Heilung) stattfindet, ist immer von sehr vielen Faktoren abhängig, nicht nur von der Methode allein.

Auch kann TCC keine Psychotherapie, ärztliche oder heilkundliche Behandlung ersetzen, sondern immer nur ein (sehr) persönlicher Weg sein. Gerade bei starken Traumata oder Verletzungen ist die Hinzuziehung eines ärztlichen oder psychotherapeutischen Heilkundigen unabdingbar.

Da ein Großteil der Verspannungen und körperlichen Probleme in unserer zivilisierten Welt mit einer schlechten Haltung und der damit verbundenen AN-Spannung zusammenhängen, die uns belastet und in schädliche Muster zwängt, wird großer Wert auf eine individuelle, detailgenaue und fortlaufende Haltungskorrektur gelegt. Im Laufe der Zeit erhöht dies das Körperbewusstsein und leitet zur eigenständigen Selbst-Korrektur und Ent-Spannung an, die dann überall (am Schreibtisch, in der U-Bahn oder Warteschlange, beim Gehen, Sitzen usw.) und jederzeit ohne großen Aufwand durchgeführt werden kann.

 

Im TCC wird neben einer korrekten Körperausrichtung vor allem darauf geachtet, keine überflüssigen Muskelanspannungen zu benutzen. Wenn man weiß wie, kann man sich nämlich mit deutlich weniger (muskulärem) Aufwand als gewohnt aufrecht halten. Dies direkt zu erfahren kann sehr überraschend sein! Mit entsprechendem Training und ein wenig Glück kann man sich eines Tages fühlen wie ein Boot auf dem Wasser, mobil, sicher schwimmend, getragen und in der Lage, selbst deutlich mehr zu tragen als das eigene Körpergewicht.

 

Die Bedeutung der „richtigen“ Haltung spielt in vielen Künsten und Bewegungsformen eine große Rolle. Während es beispielsweise beim Militär (oder Ballett) um Außenwirkung und eine mit der Körperhaltung verbundene Geisteshaltung geht, haben die jahrhunderte alten asiatischen Künste und die von ihnen inspirierten neueren Formen (Feldenkrais, Rolfing, Alexander-Technik, Spiraldynamik, Bio-Tensegrity usw) mehr die Auswirkung von Haltung(en) auf die seelisch-körperliche Gesundheit sowie die Effizienz von Bewegung erforscht.

 

Grundsätzlich gibt es zwei vorherrschende Modelle der menschlichen Körperhaltung:

1. Das des Körpers als einer Art Säule, die aus verschiedenen monolithischen Blöcken besteht, die aufeinander gestapelt sind. 2. Das des Körpers als einer unter ständiger flexibler Druck-Zug-Spannung stehenden organischen Struktur, bei der sich die festen Teile (Knochen) nicht berühren.

 

Unabhängig davon, welchem Modell man den Vorzug gibt: Beide gehen davon aus, dass eine unbalancierte Haltung zusätzliche Spannungsmuster erzeugt, auf die man bei entsprechender Körperhaltungsänderung verzichten kann. Um es mit Physik auszudrücken:

 

Ein Körper befindet sich dann im Gleichgewicht, wenn die Lotlinie durch seinen Körperschwerpunkt innerhalb der Unterstützungsfläche liegt.

Das bedeutet z.B, dass wir eine Verschiebung unseres Körpers mit einer Ausgleichbewegung kompensieren müssen, damit wir nicht umfallen. So müssen wir ein Vorbeugen des Oberkörpers bspw, mit einem Zurücknehmen der Arme ausgleichen, sonst würden wir nach vorne kippen.

 

Nun machen wir die ganze Zeit solche kleinen Kompensationsbewegungen, im Stehen und im Sitzen. Diese sind oftmals so winzig, dass wir sie gar nicht bemerken. Wir stabilisieren damit aber unser Gleichgewicht, was ja sehr wichtig ist.

 

Diese ständigen Mikrobewegungen sind wenig schädlich, denn sie kontrahieren und expandieren die einzelnen beteiligten Muskelgruppen. Problematisch wird es erst dann, wenn wir eine Körperhaltung haben, die eine STÄNDIGE Kompensationshandlung erfordert. Bspw. wenn wir dauerhaft vornüber gebeugt sind, müssen die Rücken- und Nackenmuskeln permanent dagegen kontrahieren, damit wir nicht umkippen. Dies führt auf die Dauer zu Verspannungen und teilweise chronischen Versteifungen, bis hin zu schwerwiegenden sensomotorischen Einschränkungen, wie etwa der „sensomotorischen Amnesie“, bei der Körperpartien weder gespürt noch angesteuert werden können.

 

Die Arbeit im TCC besteht u.a. darin, den Körper so auszubalancieren, dass wir immer weniger dieser Kompensationshandlungen vornehmen müssen. Auf diese Weise können die Dauerkontraktionen anfangen, sich zu lösen. Die Ent-Spannung beginnt.

 

Gleichzeitig gilt es, das Gefühl des „song“ zu erreichen. Dieses Wort benutzten die alten Meister des TCC, um den Zustand zu beschreiben, den man erreicht, wenn man die minimalste Anstrengung benutzt, um eine Bewegung, Haltung oder Aufgabe auszuführen, ähnlich einer wachsamen Katze, die nach außen entspannt und vielleicht sogar schläfrig wirkt, jedoch jederzeit losspringen kann. Dies ist tiefe Entspannung ohne Erschlaffung. Schafft man dies, erreicht man eine körperliche Qualität, bei der man das Gefühl bekommt, absolut stabil und gleichzeitig mobil zu sein, ähnlich einem Boot auf dem Wasser. Jedes Gramm, das dann auf den Körper einwirkt, versetzt sofort den ganzen Körper in Bewegung, ohne dass dieser sich an irgendeiner Stelle verspannen muss.

Das Ganze verläuft mit sanften Bewegungen, die dem Prinzip der möglichst entspannten Muskeln folgen, so dass der Bewegungsapparat keine neuen Traumata (Verletzungen) erleiden muss.

 

Dadurch wird ihm genug Raum gegeben, sich selbst zu heilen.

Die Bewegung aktiviert Muskeln (manche können nämlich regelrecht in Vergessenheit geraten, was man dann sensomotorische Amnesie nennt, siehe „mehr dazu“) und vor allem die Sehnen, die dadurch transformiert werden können.

 

Die Bewegungen im TCC streben danach, so aufwandlos wie möglich zu sein.

D.h. wir versuchen, so gut es geht, auf überflüssige Muskelkraft (die ja wieder anspannt) zu verzichten und diese durch eine gezielte strukturelle (besser: Ball-artig elastische) Körperarbeit zu ersetzen. Das klingt etwas kompliziert in der Theorie, wird aber in der Praxis bald erfahrbar.

 

Gelenke, die durch zu viel Spannung „geschlossen“ sind und in denen die Knochen entzündlich aufeinanderreiben (Arthrose), können durch die entspannende Wirkung der Bewegungen wieder geöffnet und gelockert werden, die Durchblutung findet wieder besser statt (Hände und Füße bspw. werden plötzlich warm), Schlackestoffe können abtransportiert und Entzündungen verringert werden.

 

„Wer rastet, der rostet.“

 

Der Volksmund kennt einige Wahrheiten, die wir in der modernen Zeit beinahe schon wieder vergessen haben oder an die wir uns nur vage erinnern, so wie etwa diesen Spruch.

 

Vor allem wenn wir jung sind, hat dieser Spruch kaum Bedeutung für uns,

denn wir sind meistens noch von Zipperlein und dergleichen verschont. Erst mit zunehmendem Alter merken wir immer mehr, wie der Körper nicht immer so macht, wie er soll. Es zwickt hier und da, die Morgensteifheit hält immer länger an, eine Krankheit oder Verletzung können uns deutlich länger in Schach halten als das früher der Fall war.

 

Jedoch sind es nicht alle „Alten“, die diese Beschwerden haben.

Und es sind immer mehr junge Leute, die ebenfalls körperliche Beschwerden bekommen, die man früher eher den Älteren zugeordnet hätte, wie etwa Bandscheibenschäden, Nackensteifheit, Blutdruckerkrankungen oder Diabetes.

 

Woran liegt das?

 

Mit Sicherheit kann es wohl niemand sagen, allerdings ist zu vermuten, dass es sich bei diesen Phänomenen moderner Zivilisation um eine Kombination aus neuartiger Stresssymptomatik und Bewegungsmangel handelt.


Stress, weil es in einer beschleunigten Leistungsgesellschaft wie der unseren viele Anforderungen in kurzer Zeit gibt, die mitunter zu Überforderungsgefühlen führen können.


Bewegungsmangel, weil der Computer und die elektronischen Medien (Fernseher, Handy, Spielekonsole usw) den Alltag vieler Menschen heutzutage doch sehr bestimmen.

 

Selbst im modernen Fitnessstudio schwebt der Fernsehschirm über den Ergometern und fixiert unsere Aufmerksamkeit und unsere Augenmuskeln, die wiederum Auswirkungen haben auf unsere Nacken- und Rückenmuskulatur. In vielen Wohnungen läuft der Fernseher dauerhaft.

Bei Anderen liegt der Laptop täglich mehrere Stunden auf dem Schoß oder es wird auf den Monitor gestarrt, sei es für die Arbeit oder auch in der Freizeit.

 

Beides, Stress und Bewegungsmangel, führen zu einer Versteifung der Muskulatur und der „Schmiere“ dazwischen (Faszien, Sehnen, Knorpel, Bindegewebe, Schleimhäute u.s.w.). Die Muskeln und Sehnen unseres Körpers sind einfach nicht dazu gemacht, stillzustehen. Wenn sie es tun, versteifen sie. Im schlimmsten, gar nicht so seltenen Fall werden sie dermaßen wenig genutzt, dass der Körper sie dann „vergisst“ und sie nicht mehr angesteuert werden können. Das nennen Manche (Thomas Hanna, Helga Pohl u.a.) dann „sensomotorische Amnesie“. (hier ein Link)

 

Bei Stress kontrahieren wir Muskelgruppen.

Löst sich der Stress kurz danach auf, können wir uns wieder normal bewegen. Hält der Stress aber an, chronifiziert sich auch die muskuläre Spannung. Nur mit willentlicher Übung und/oder Hilfe von außen sind wir dann in der Lage, diese Spannung wieder zu ENT-spannen.

 

Das regelmäßige Training des TCC wirkt daher wie eine Massage für sämtliche Körperpartien. Die Übungen sind so aufgebaut, dass so gut wie alle Körperteile, Muskeln, Sehnen usw. sanft in Bewegung kommen, dass alles einmal schön „geölt“ wird, so dass der „Rost“ aus den Gelenken verschwindet.


Unser modernes Leben fordert von uns ein, dass wir unserem Körper gelegentlich etwas Gutes tun. Das heißt in erster Linie Bewegung, die diesen Effekt noch viel mehr als passive Wellnessbehandlungen (die auch sehr angenehm sein können, keine Frage!) erzeugt. Nach aktiver Bewegung kann der Körper wieder zu einem guten Körpergefühl finden.

 

Allerdings ist zu viel oder zu anspruchsvolle Bewegung, wie etwa im Leistungssport, langfristig wenig förderlich für die Gesundheit. Dies ist umso unglaublicher, als dass das Leistungssport-Ideal uns überall verfolgt. Schaut man sich aber ehemalige Leistungssportler an, so sind es doch auffallend häufig körperliche „Baustellen“ mit vielfältigen Beschwerden.

Deshalb haben schon die alten Meister des TCC Übende der „harten“ Kampfkünste davor gewarnt, zu hart zu trainieren, da es der Gesundheit schade. Die Übungen des TCC sind hingegen sehr stark an den eigenen Möglichkeiten und Grenzen orientiert. Erfolge stellen sich langsam, aber stetig ein. Das Training wird gerade zu Beginn (der einige Jahre dauern kann) derart sanft ausgeführt, dass es kaum zu Verletzungen oder Schädigungen führt. Im Gegenteil wird der gesamte Körper gestärkt und auf schwerere Herausforderungen behutsam vorbereitet.

 

Meister Ma hat gesagt: „Tai Chi zu trainieren ist wie ein Blatt Papier auf ein anderes zu legen. Wenn man den Papierstapel anschaut, so sieht man von einem Tag zum anderen kaum einen Unterschied. Aber nach ein paar Jahren schaut man den Stapel plötzlich an und wundert sich, wie hoch er schon ist, ohne dass man es mitbekommen hätte.“

Unterstützt wird diese Arbeit durch den frei fließenden ATEM, teilweise intensiviert durch achtsame Atemübungen, die dem Körper mehr Sauerstoff verleihen, wodurch er und der Geist leistungsfähiger werden und Heilungsprozesse schneller vorangetrieben werden können. Atmung und Entspannung hängen sehr eng zusammen, denn in einem verspannten „Panzer“ atmet es sich schlecht.

 

Die zunehmende Befreiung des Atems führt zu zunehmender Leistungsfähigkeit von Körper und Geist. Der Körper kann sich besser selbst heilen, Schlackestoffe werden abtransportiert, die inneren Organe durch die Massage, die ein tiefer Atem bewirkt, angeregt und funktionsfähiger gemacht werden usw. Auch nimmt die Konzentrationsfähigkeit und die allgemeine geistige Klarheit zu.

 

Über Atmung wurden schon sehr viele Bücher geschrieben. Ganze Therapieformen wurden auf der Atmung begründet, wie etwa der erfahrbare Atem nach Ilse Middendorf, die Funktionelle Entspannung und andere. Auch im traditionellen Yoga nimmt der Atem eine herausragende Rolle ein, wenngleich dies in den modernen Schulen in unserem Kulturkreis nicht immer so ist.

 

Atem bedeutet Leben. Wenn wir auf die Welt kommen, atmen wir zum ersten Mal ein (vorher „atmeten“ wir durch die Nabelschnur). Ab da können wir von der Welt inspiriert werden (In-spirieren = Einatmen; lat. spirare = atmen). Wenn wir sterben, atmen wir zum letzten Mal aus. Im Englischen heißt enden/erlöschen to expire, was auch Ausatmen heißt.

Der Atem verbindet unseren Körper mit der Außenwelt. Er absorbiert Stoffe aus der uns umgebenden Luft und trägt diese in den Körper hinein, wo sie umgewandelt und zur Umwandlung genutzt werden. Teile der umgewandelten Stoffe werden bei der Ausatmung wieder in die Luft abgegeben.

 

Unsere emotionale Verfassung bestimmt maßgeblich, in welcher Weise wir atmen, beispielsweise flach, wenn wir gestresst sind oder tief, wenn wir kurz vor dem Einschlafen wohlig entspannt sind. Gleichzeitig bestimmt die Atmung umgekehrt, wie wir uns fühlen. Der Grad an Anspannung in unserer Muskulatur, vor allem der Atemmuskulatur, bestimmt schließlich den Freiheitsgrad des Atmens und somit auch unsere Atemräume.

Mit Hilfe des Geistes können wir willentlich einen gewissen Einfluss auf die Atmung ausüben. Mit Visualisierungen können wir den Atem in verschiedene Bereiche unseres Körpers lenken. Dies ist jedoch nur innerhalb bestimmter Grenzen, sowohl der geistigen als auch der körperlichen, möglich.


Normalerweise vertieft und beruhigt sich der Atem automatisch, wenn sich Körper und Geist entspannen. Im Ma Tsun Kuen Tai Chi Chuan ist daher die Entspannung oberste Priorität. Nur in einem entspannten Körper kann der Atem frei fließen.

Ist der Körper entspannt und befreit, kann zusätzlich der Geist trainiert werden, um den Atem zu raffinieren und zu lenken. Dadurch wird der Nutzen für den /die Übende(n) noch größer.


Das Ma Tsun Kuen Tai Chi Chuan bietet auf fortgeschrittenem Niveau auch die sogenannte taoistische Atmung sowie die Atmung zur Transformation der Sehnen (Yi Chin Gong) an.

Beides sind spezielle Atemtechniken, die zur Kräftigung des Körpers und der allgemeinen Widerstandskraft beitragen können und somit auch für den Aspekt der Kampfkunst Bedeutung haben.

Selbstverständlich ist die Stärkung des Körpers immer auch mit einer Stärkung der Gesundheit verbunden, solange man nicht über die eigenen Grenzen hinausgeht. Auf Letzteres wird in unserer Schule besonders Wert gelegt.

 

Berühren und berührt werden. Das ist etwas, wonach wir uns sehnen und wovor wir gleichzeitig Angst haben. Angst z.B. vor Verletzung, wenn wir uns zu sehr berührbar machen.

 

Im Ma Tsun Kuen TCC sind Berührung, „In-Kontakt-Gehen“, den eigenen Raum entdecken und erforschen zentrale Aspekte des Übens, denn TCC funktioniert als Kampfkunst hauptsächlich über das sensorisch-taktile Fühlen und nicht, wie andere Kampfkünste, über die Augen.

 

Deshalb brauchen wir die Berührung des Anderen, um TCC begreifen und überhaupt anwenden zu können. Über die Berührung erfahren wir viel über das Gegenüber, seine Kräfte, seine Intentionen, seine Sensitivität usw. Dies ist gerade für den Bereich der Kampfkunst enorm wichtig, aber auch für unsere ganz alltäglichen zwischenmenschlichen Beziehungen sehr hilfreich, da es Verständnis und Austausch miteinander übt und fördert.

In unserer Schule wird sehr behutsam darauf geachtet, die einzelnen Teilnehmer individuell an das Thema Berührung heranzuführen, um Überforderungen zu vermeiden.

 

Berührung ist ein sensibles Thema. Sowohl im körperlichen Bereich gibt es eine spontane Scheu vor zu viel Berührung, davor dass jemand in unseren intimen Bereich eindringen könnte und uns auf eine unangenehme Art berühren könnte. Das gilt jedoch auch für den seelischen Bereich. Nicht umsonst sagen wir, wir seien von etwas „(un-) angenehm berührt“.


Andererseits gibt es in uns auch eine starke Sehnsucht nach Berührung, zumindest wenn die uns berührende Person vertrauenswürdig ist und uns nahe steht. Wenn uns ein Thema besonders nahe geht, sind wir davon berührt. Obwohl dies ein eigentlich schönes Gefühl ist, haben wir gleichzeitig auch Angst davor, uns zu sehr berührbar zu machen.

 

Dafür gibt es viele Gründe, wie etwa die Angst vor einem unangenehmen Gefühl, das beispielsweise mit einer schmerzhaften Erinnerung oder Trauer verbunden ist. Auch gesellschaftliche Normen wie etwa „ein Indianer kennt keinen Schmerz“, man müsse „hart wie Kruppstahl“ sein oder die zunehmende Versachlichung im öffentlichen Diskurs, in dem Emotionen eher verdächtig erscheinen, tragen dazu bei, dass wir uns nur ungern berühren lassen. Auch im körperlichen Bereich ist uns ein Zuviel an Berührung eher unheimlich. Angst vor Verletzungen, vor Übergriffigkeit, vor dem Ausgeliefertsein usw. spielen hier eine entscheidende Rolle.


Gleichzeitig ist inzwischen in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen (Endokrinologie, Verhaltensforschung, Bindungsforschung, Entwicklungspsychologie) bekannt, dass nicht-aggressive und erwünschte Berührungen stark positive Auswirkungen auf das seelische Befinden von Menschen haben können, während fehlende Berührung entsprechend negative Auswirkungen haben kann.


Dies ist eng verknüpft mit der Philosophie des Tai Chi bzw. des Yin und Yang. Diese besagt, dass die Kräfte (der Welt, der Menschen) stets MITEINANDER spielen und nicht autistisch oder getrennt sind.
Wenn wir tanzen, reden, aber auch kämpfen, sind wir nicht zwei unabhängige Satelliten, die umeinander schwirren. Wir stehen in gegenseitiger Wechselwirkung zueinander. Wie beim Tango, so führt meist der/die Eine, während der/die Andere folgt. Diese Rollenverteilung muss aber keineswegs festgelegt sein (wie es ja beim Tango oft ist), sondern kann und muss sogar im Tai Chi ständig wechseln. Es geht schließlich darum, die Energie, die der/die Andere hineingibt, zu spüren und zu transformieren.

 

Konkret heißt dies beispielsweise, wenn der Andere meine Schulter schiebt (Yang), gibt diese nach (Yin). Wenn seine Kraft sich erschöpft hat, wird er sich zurückziehen (Yin). Ich kann ihm dann folgen und eigene Kraft hinzufügen (Yang). Diese Wechsel von Yin zu Yang sind mannigfaltig in uns selbst und in der Berührung mit dem Anderen vorhanden. Diese Wechsel in all ihren Ausprägungen zu erforschen ist eine Möglichkeit, die Tai Chi Chuan für uns bereithält.

 

Im Laufe der Zeit lernen wir immer mehr, Kraft und Druck von außen aufzunehmen, ohne dabei zu verspannen oder zu verhärten. Dies gelingt, indem wir zunehmend durchlässig werden. Die Erfahrung, dass „Weich Bleiben“ nicht verletzlich macht, sondern im Gegenteil zu mehr Stabilität und Sicherheit führen kann, schafft schließlich ein neues, vorher ungeahntes Selbstvertrauen.

 

Es ist wichtig zu beachten, dass Jeder und Jede unterschiedliche Intimgrenzen und Bereitschaften hat, sich berühren zu lassen. Diese Grenzen zu achten und zu respektieren ist Aufgabe des einzelnen Lernenden und auch des Lehrers. In meinem Unterricht bspw. wird niemand zu irgendetwas genötigt, was er/sie nicht möchte oder ihm/ihr unangenehm ist. Als Angebot ist die berührende Arbeit jedoch immer (mal wieder) vorhanden.

 

 

Interessante Links zum Thema:

 

Artikel über Oxytocin – das Berührungshormon


Ein immer noch aktuelles Standardwerk zum Körperkontakt


Ein hervorragendes Buch über die Kunst der indischen Baby-Massage

 

„Das Qi folgt dem Yi“, sagen die Klassiker des TCC und anderer innerer Kampfkünste. Das bedeutet, dass unserem Geist (Yi) die Fähigkeit zugestanden wird, Dinge zu bewegen, Formen zu bestimmen, Richtungen und Intensitäten zu steuern usw.

 

Die innere (Geistes-)Haltung bzw. unsere Vorstellungen bestimmen die Qualitäten und Empfindungen unseres Körpers. Diese INNEREN Zustände bestimmen dabei manchmal die äußere Form (und Bewegungen), manchmal aber auch nur Spannungszustände (Tonus), Schmerzempfindlichkeit, Reaktionsweisen u.v.m.

 

In unserer TCC-Schule arbeiten wir viel mit solchen inneren Bildern, damit wir nach und nach das Körpergefühl entwickeln, das die Prinzipien des TCC zu verinnerlichen hilft.

 

 

„Auf den Geist muß man schauen. Denn was nützt ein schöner Körper, wenn in ihm nicht eine schöne Seele wohnt.“
(Euripides)

 

Was bedeuten Visualisierung, Imagination und Intention?


Visualisierung und Imagination bedeuten, sich etwas so lebendig wie möglich vorzustellen. Der Unterschied zwischen Vorstellung und (rationalem) Denken ist die emotionale bzw. die Empfindungs-Qualität. Beim (rationalen) Denken kann ich abstrakt bleiben, mathematische Aufgaben lösen, Wortspiele betreiben oder Ähnliches. Wenn ich mir jedoch leibhaftig vorstelle (visualisiere/imaginiere), draußen in der Winterkälte zu stehen, wird dies ein anderes inneres Gefühl erzeugen als die Vorstellung, am Strand in der Sonne zu braten. Ein Arm, der an Ballons gebunden ist und dadurch leicht wird und nach oben schwebt, wird sich anders anfühlen als ein Arm, an dem Bleigewichte hängen und der so schwer ist, dass man ihn kaum anheben kann usw.

 

Ein weiteres Beispiel: Ich kann mir entweder vorstellen (visualisieren), dass mein Arm aus Stahl besteht und wie ein Block mit dem Rest meines Körpers verbunden ist: ein Stahlblock, unüberwindlich, unzerbrechlich. Oder ich stelle mir vor, dass mein Arm die Außenhülle eines Gummiballs darstellt, der Arm selbst elastisch aus Gummi, mein Körper mit dem Arm verbunden, aber ebenfalls gummiartig.


Beide Vorstellungen werden unterschiedliche Spannungszustände im Arm erzeugen, ohne dass sich die äußerlich sichtbare Form wesentlich verändert. Im ersten Fall werden die Muskeln kontrahieren und versteifen, im zweiten Fall eher expandieren und pulsieren. Auch werden die Vorstellungen unterschiedliche Reaktionen auf Impulse von außen hervorbringen. Wenn auf den ersten Arm eine Kraft einwirkt (bspw. ein Schlag), wird diese auf den Arm hart aufschlagen, auf- und im besten Fall abprallen und (sich selbst oder den Arm) zerbröseln. Im zweiten Fall wird es sein, als werde ein Hammer auf einen Traktorreifen geschlagen: Die Kraft prellt zurück (engl: bouncing), wie bei einem aufgedribbelten Basketball.

 

Solche inneren Bilder nutzen wir beim TCC, um Intentionen zu „erlernen“ bzw. in die Bewegung zu transportieren.

 

Wenn ich beispielsweise einen „Schubser“ durchführe und dieser endet in meiner Vorstellung (Imagination) kurz vor dem Körper des Anderen, so wird meine Kraft ihn kaum erreichen. Wenn meine Intention jedoch die ist, „durch ihn durch“ zu schubsen, wird meine Kraft ihn auch eher durchdringen. Dies kann man in der Partnerübung auch ganz langsam und sanft üben und ausprobieren (auf diese Weise kann Imagination auch für die Heilkunst eingesetzt werden).

 

Wenn wir später die Form (= TCC – Choreografie) machen, dann handelt es sich im MTK TCC eben nicht nur um eine äußere Form, die zwar perfekt inszeniert wird wie bei einem Tanz, dafür aber keineswegs das Gefühl echter Berührung in einem selbst erzeugt, sondern um eine Form mit echter Intention. Wir „schattenboxen“ eben mit einem zwar imaginierten, jedoch sich echt anfühlendem Gegenüber.

 

Je „echter“ dieser „Gegner“ sich anfühlt, desto mehr Intention können wir in die Bewegung legen. Nicht umsonst sagen die klassischen Schriften des TCC: „Laufe die Form, als wäre jemand da!“ („…und mache die Partnerübungen, als wärst Du allein“, aber das ist ein anderes Thema!).

Warum als letzter Punkt? Ist nicht jede traditionelle Kampfkunst von Philosophie durchdrungen?
Ja und Nein. Gerade im Westen führt die „Philosophie“ hinter den Künsten oft vom eigentlichen Ziel weg und wird eher als Religion (= GLAUBENsrichtung) missbraucht und nicht als echte Philosophie (= erfahrbares Wissen) gelehrt.

 

Philosophieren im Sinne des TCC ist im Gegensatz zum im Westen üblichen Ansatz (der Informationsbeschaffung) nicht ein rein gedanklicher Vorgang, bei dem die Essenz über das Wälzen und Studieren von Büchern erfasst werden kann. Im Gegenteil! Vielmehr ist die Philosophie hinter dem TCC eine, die die Welt durch ERFAHRUNG Be-GREIFlich machen soll.

 

Es wird Reales beobachtet (bspw. an uns selbst) und davon Erfahrungswissen abgeleitet. Meister Ma, der Gründer des Stils, soll gesagt haben: „Tai Chi Chuan ist Philosophie, die uns durch den Körper erreicht“. Das bedeutet: Wir arbeiten einfach nach den Vorgaben, Übungen und Prinzipien des uralten TCC und mit der Zeit können wir die dahinterliegende Philosophie tatsächlich immer besser begreifen. Ob wir diese dann Taoismus, Mystizismus oder SonstirgendeinIsmus nennen – das hängt ganz von uns und den Tiefen der Einsicht ab…

…im Sinne des Tai Chi Chuanist nicht über den rationalen Verstand zu erfassen, wie es im Westen eher üblich ist. Bücher, Gelehrsamkeit, das Ansammeln von Wissen sind sogar hinderlich auf dem Weg der „Erkenntnis“, vor allem wenn man sich auf sie verlässt. Das heißt nicht, dass man auf diese Fähigkeiten verzichten sollte. Allerdings geht es beim „Erkennen“ nicht um das rational erfassbare, abstrahierte Denken über etwas, sondern vielmehr um das UN-mittelbare Erfassen der Situation

„Hier und Jetzt“.

 

Im Wort „Unmittelbar“ ist enthalten, dass es auch etwas „Mittelbares“ gibt, also etwas, dass ich nur über Umwege erfassen kann durch einen Vermittler, der mittig zwischen mir und dem Anderen steht und eben vermitteln muss.


Dieses Etwas ist laut der Philosophie des TCC unser rationaler Verstand, der die Welt nicht ohne Filterung erfasst, sondern sie abstrahiert, symbolisiert, in Worte kleidet, analysiert. Dadurch entsteht eine SPALTUNG zwischen mir und der Welt, die Unmittelbarkeit geht verloren. Symptom ist häufig eine innere Spaltung der Dinge in Gut und Böse, was auf vielen Ebenen zu Ausdruck kommen kann: in Diskussionen & Streits, Meinungen & Glaubenssätzen in inneren Dialogen, Zerrissenheiten und Ambivalenzen usw.

 

Die Folge kann ein mehr oder weniger (un-)bewusstes Gefühl des Abgespaltenseins, Getrenntseins, möglicherweise auch der Einsamkeit und dem Verlust der Eingebundenheit in der Welt oder im sozialen Gefüge sein. Kontakte zu Anderen sind dann oft schwer und kompliziert und können von Konflikten und Kontaktabbrüchen geprägt sein. In schwereren Fällen kann es zu Zurückgezogenheit bis hin zu sozialer Isolation oder auch zu psychischen Erkrankungen kommen, wie Ängsten, Zwängen, sozialen Phobien, bis hin zu Depressionen, Entfremdungsgefühlen oder sogar Wahnbildungen.
TAI CHI CHUAN ist ein Instrument des Kontakts. Kontakt mit sich selbst, mit den Anderen und mit der Umwelt insgesamt:


Durch die Einzelübungen kommen wir mehr in die „Innenschau“, d.h. wir werden uns unseren Körpervorgängen und -zusammenhängen und damit uns selbst immer bewusster. Durch die Partnerübungen und die Form lernen wir uns in Relation zum Anderen kennen und schulen gleichzeitig die Wahrnehmung des Raums um uns herum. Auf diese Weise können wir uns nicht nur in uns selbst mehr entspannen, sondern auch im Kontakt mit der Außenwelt.

 

Erst durch die Entspannung jedoch kommen wir wirklich in einen UN-mittelbaren Kontakt mit uns selbst und der Welt, denn wir haben in entspannterem Zustand weniger „Panzer“ (um einen reichianischen Ausdruck zu benutzen), der zwischen uns und der Welt steht. Denn der rationale Verstand, der zwischen uns und dem unmittelbaren Erleben steht, drückt sich auch körperlich aus, durch Verspannung, (Ab-)Härtung, Abwehrhaltung, „Stacheln ausfahren“, Zurückweichen, Ausweichen usw.

Meiner Ansicht nach ist die Überwindung dieses Panzers und die Erlangung von Unmittelbarkeit die eigentliche Lehre des Tai Chi Chuan und der Schatz, den es für uns bereithält.


Selbstverständlich ist die hinter dem Tai Chi liegende Philosophie die des Taoismus mit all seinen Begrifflichkeiten (Yin/Yang, Wu Wei, Wuji…) und Ideen / Theorien. Aber was heißt das eigentlich? Meiner Meinung nach ist der Taoismus ein (ziemlich geeignetes) Medium, um die Erfahrung der Unmittelbarkeit zu transportieren. Es gibt viele Lehren, Übungsformen, Methoden und teilweise auch Religionen, die ein ähnliches Ziel verfolgen und immer mal wieder kommt jemand auf einem dieser Wege zum Ziel.

 

Was beim Taoismus möglicherweise DAS zentrale Grundkonzept ist, ist der Wandel. Im Bild des Tai Chi, also dem YIN/YANG-Bild, finden wir dieses Konzept abgebildet: wahrnehmbare Dinge verwandeln sich zwischen ihren polar zueinander angeordneten Extremen. So geht die Sonne beispielsweise auf (sich aufsteigend verwandelnd), bis sie am höchsten Punkt am Himmel steht (extremes Maximum der Sonneneinwirkung), geht ab da wieder unter, auch wenn man das zunächst nicht bemerkt (sich absteigend verwandelnd), bis es immer dunkler wird und sie am entferntesten Punkt steht, so dass die Nacht am dunkelsten ist (extremes Minimum der Sonneneinwirkung), bevor sie anfängt, wieder langsam ihre Strahlen auf der Erde zu verbreiten, so dass die Nacht heller wird, bis der Tag anbricht (sich erneut aufsteigend verwandelnd) usw.

 

Solche Wandlungsprozesse finden sich sowohl in unserer äußeren als auch in unserer inneren Natur überall, seien es die Jahreszeiten mit ihrem Wachstum und Verfall der Pflanzen oder die Meeres-Gezeiten mit Ebbe und Flut in der Umwelt oder aber der Blutkreislauf, emotionale Hochs und Tiefs, Fruchtbarkeitszyklen oder ähnliches im Innen.

 

Eine Idee des Taoismus und des Tai Chi Chuan (als einem Vehikel, dass die Lehre des Taoismus transportiert) ist, dass es möglich ist, diesen Wandel zu verstehen und ihm zu folgen, anstatt sich dagegen zu stemmen. Diese philosophische Idee kann durch die Körperarbeit des Tai Chi Chuan verinnerlicht werden, oder wie Meister Ma laut Fernando Chedel sagte: „Tai Chi Chuan is philosophy that comes to us through the body“.

“Steptraum”

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